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Digital-Comeback: Das Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm an der D800

  • Autorenbild: Harald Wittig
    Harald Wittig
  • 2. März 2015
  • 6 Min. Lesezeit

Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm Harald Wittig Photographie

Einleitung


Das Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm war bis zum Erscheinen des noch immer hergestellten Micro-Nikkor 2.8/55mm im Jahre 1979 eines der höchstgeschätzten Nikkore und ein Verkaufsschlager. Die erste Ausführung des Fünf-Linsers reicht bis in die Messsucher-Ära von Nippon Kokagu K. K. zurück, denn vom optischen Aufbau her sind das Micro-Nikkor-C 3.5/50 von 1956 und das spätere 3.5/55-Micro exakt gleich. Während das Messsucher-Objektiv sehr selten ist und für den Praktiker mangels Adaptiermöglichkeit eher uninteressant ist, lässt sich das Reflex-Objektiv mit mehr oder weniger starken Einschränkungen auch an den aktuellen Nikon DSLRs verwenden. Bevor wir uns aber konkret mit der Anwenderpraxis, also dem Photographieren in der Kombination Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm/Nikon D800 befassen, müssen wir zunächst einige Jahre in der Nikon-Historie zurückblicken.


F-Bajonett und Kompatibilität


Bereits im vorigen Blog-Beitrag ging es um Nikon-Objektive aus der Analog-Zeit, die an modernen Nikon-DSLRs wie der D4, D800/800E, D810 oder Df gewinnbringend einsetzbar sind – das grundsätzliche Festhalten am 1959 mit der Nikon F eingeführte Bajonett macht es möglich. Allerdings modifizierte Nikon im Laufe der Jahrzehnte seine Kameras und Objektive sukzessive, was die vielgerühmte Kompatibilität einschränkte: So konnten beispielsweise an der semiprofessionellen FM2 von 1982 keine Nikkore, die vor 1977 gebaut worden waren, angesetzt werden. Der Grund dafür: 1977 wurden Kameras und Objektive für die automatische Lichtstärkeneingabe eingerichtet. Besser bekannt unter dem Kürzel Ai - die Abkürzung steht für „Automatic Indexing“ - erlaubte diese an und für sich recht schlichte, weil rein mechanische Modifikation am Blendenring der Nikkore eine „vollautomatische Kupplung“ mit dem Belichtungsmesser der Kamera. Die Kameras hatten ab der Nikon F2 A oder der FM ein kleines Metallhebelchen oberhalb des Anschluss-Flansches, das dafür sorgte, dass die verschiedenen Öffnungen des Objektivs dank einer Ausfräsung an dessen Blendenring „mitgenommen“ und so an den Belichtungsmesser übermittelt werden konnten. Das frühere System mit der Mitnehmergabel am Objektiv und dem Kupplungsstift an der Kamera beziehungsweise dem Belichtungsmesser-Aufsatz war damit obsolet. Ai erleichterte und beschleunigte damit zweifelsohne den Objektivwechsel, wenngleich das frühere Verfahren zumindest ab dem Photomic FTN zur F durchaus praktikabel und nicht übermäßig gewöhnungsbedürftig ist. Trotz des spöttischen Grinsens der Nutzer anderer Kamera-Systeme, wenn die mal wieder einen Nikon-Photographen beim markanten „Ritsch-Ratsch“-Ritus nach dem Ansetzen eines Objektivs beobachteten.

Ai unterbrach, wie bereits erwähnt, die Rückwärts-Kompatibilität innerhalb des Nikon-Systems: Das Mitnehmer-Hebelchen verhindert nämlich das Ansetzen eines „Non AI“-Objektivs. Wird ein solches Objektiv gewaltsam aufgedreht, wird der vergleichsweise filigrane Hebel bestenfalls verbogen, schlimmstenfalls bricht er ab. Dem alten Objektiv schadet dieser Gewaltakt zwar nicht, aber die Kamera muss zum Service. Die Reparatur dauert und hat ihren – hohen – Preis. Bei den Profi-Nikons bis zur F4 von 1988 ließ sich das Hebelchen nach wegklappen. An dieses Kompatibilitäts-Bekenntnis hielt sich Nikon aber schon bald nicht mehr und schaffte den klappbaren Hebel1996 mit der Vorstellung der Hochgeschwindigkeits-Bildermaschine F5 ab. Auch die (semi-)professionellen Digital-Kameras waren, bis zum Erscheinen der Df im Jahr 2013, sämtlich AI-Kameras, was eine Verwendung von Alt-Nikkoren ausgeschlossen hat. Interessanterweise lassen sich die „Non Ai“-Nikkore aber gefahrlos an die Einsteiger-Kameras ansetzen. Allerdings stehen dem Anwender dann keinerlei Automatiken, nicht mal mehr eine Belichtungsmessung zur Verfügung. Unbeschwertes Fotografieren, was die Kameras dieser Klasse garantieren wollen und ihre Benutzer auch erwarten, ist damit also nicht mehr möglich.


"Non Ai"-Nikkore an aktuellen Kameras


Ist es überhaupt sinnvoll, Objektive aus den 1960er- oder 1970er-Jahre an einer modernen DSLR zu verwenden? Nun, es kommt darauf an. Ein Nikkor-S Auto 1.2/58mm von 1967 beispielsweise liefert bis Blende 2 sehr flaue, kontrastarme Bilder mit ausgeprägten Farbsäumen. Ab Blende 2.8 geht es aber in puncto Schärfe steil aufwärts und abgeblendet auf Blende 8 ist das Objektiv auf dem Niveau der aktuellen Nikkore. Das Standard-Objektiv zur F, das Nikkor-H Auto 2/50mm von 1959 ist sogar richtig gut. Ich selbst habe eines aus dem Jahr 1967, das nicht nur mit dem aktuellen AF-S G 1.8/50mm locker mithalten kann, sondern um eine Stufe abgeblendet auch an Micro Four Thirds-Kameras überzeugen kann. Am Lohnendsten ist aber die Verwendung der alten Makroobjektive, namentlich des Nikkor 3.5/55mm, das Nikon in verschiedenen Ausführungen, also auch als Ai-Objektiv von 1966 bis 1979 produzierte. Dieses Objektiv gilt unter Fachleuten als eines der schärfsten Objektive, die Nikon je gebaut hat. Peter Braczko beschreibt dieses Micro-Nikkor in seinem „Nikon Handbuch“ als „extrem scharfzeichnendes Spezialobjektiv für den Mikro- und Makrobereich“, Uli Koch hebt in seinem monumentalen dreibändigen Werk zur Nikon F (Coeln, 2003, ISBN 3-9501443-0-7) hervor, dass das 55er „über eine ausgezeichnete sphärische Korrektur, hohen Kontrast und eine erstklassige Farbvergütung“ verfüge, zudem reiche die „Schärfeleistung von Rand zu Rand“ und falle nicht ab. Nikon selbst bewarb das Micro-Nikkor in den 1970er-Jahren im Prospekt „Nikon Nahaufnahme-Zubehör“ selbstbewusst als „hervorragendes Mehrzweck-Objektiv“, das „ein Optimum an Auflösungsvermögen, Kontrast und Farbkorrektur“ biete.

Mit Erscheinen der D800, die in puncto optischer Leistung sehr anspruchsvoll ist, feierte das Micro-Nikkor 3.5/55mm sein Comeback. Es gibt einige D800-Nutzer, die es sogar dem Micro-Nikkor 2.8/55mm AiS vorziehen. Das sorgte für einen Anstieg bei den Gebrauchtpreisen: War das Objektiv auch in sehr gutem Zustand lange für weit unter 100 € zu bekommen, haben die Preise für Exemplare in Bestzustand – saubere Linsen, wenige bis keine Gebrauchsspuren an der Fassung – reichlich angezogen. Für ein Nikkor in Topzustand wie das abgebildete – es handelt sich um ein Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm von 1970 – sind heute gut und gerne bis 190 € anzulegen. Dabei ist dieses Objektiv nur an alten Analog-Profikameras oder der Df aus den beschriebenen Gründen einigermaßen alltagstauglich. Es wäre zwar möglich, das Objektiv durch ein Abfräsen des Blendenrings Ai-kompatibel und damit direkt verwendbar an der D800 zu machen. Dann wäre dieses schöne Stück, das wie alle Alt-Nikkore ein feinmechanisches Meisterstück darstellt, jedoch stark abgewertet.


Direktanschluss mit Zwischenring M2


Soll das Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm ausschließlich im Makrobereich – damit sind an dieser Stelle die Abbildungsmaßstäbe von 1:2 bis 1:1 gemeint – zum Einsatz kommen, lässt es sich auch an reinen Ai-Kameras wie den Modellen D4, D800/800E und D810 verwenden. Dazu benötigen Sie zwingend den sogenannten Life Size-Adapter M2. Das ist ein Zwischenring, der ursprünglich zum Lieferumfang des Objektivs gehörte und dem Anwender den Bereich vom Abbildungsmaßstab 1:2 – der halben Objektgröße – bis zum Abbildungsmaßstab 1:1 (Originalgröße) erschloss. Später hat Nikon sich zum Missfallen seiner Kunden dazu entschieden, diesen Zwischenring separat für teures Geld zu verkaufen. Aber die Preispolitik des Herstellers soll nicht Thema dieses Beitrags sein.

Wenn das Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm mit dem M2-Ring verbunden ist, lässt es sich ohne Probleme an die D800 ansetzen. Wie schon in den alten Zeiten muss der Photograph auf die TTL-Messung der Kamera verzichten und die Verschlusszeit der D800 im M(anuell)-Modus selbstständig einstellen. Experimentierfreudige Menschen werden sich schätzenderweise mit mehreren Testaufnahmen an die optimale Verschlusszeit herantasten. Eine zeitaufwändige Angelegenheit, die wenig empfehlenswert ist. Besser ist da die Anschaffung eines Handbelichtungsmessers wie dem zuverlässigen Gossen Digisix 2, der dank seiner geringen Größe bestens ins Photo-Täschchen passt. Mit rund 150 € ist das Gerät nicht eben kostengünstig zu haben, die Anschaffung ist gleichwohl lohnend – vor allem für Makro-Aufnahmen und Produkt-Photographie. Unabhängig davon, ob Sie die sogenannte Licht- oder die Objektmessung bevorzugen, müssen Sie beim Einstellen der Verschlusszeit eine Belichtungskompensation vornehmen. Denn die Lichtmenge, die den D800-Sensor erreicht, wird mit zunehmender Auszugsverlängerung immer geringer. Die einfachste Methode dabei ist, den Gesamtauszug ab der Sensorebene zu messen und durch die Brennweite des Objektivs zu teilen. Dieses Ergebnis erheben Sie dann ins Quadrat und schon haben Sie den Verlängerungsfaktor. Alternativ können Sie den Verlängerungsfaktor auch mit folgender Formel berechnen: K (= Verlängerungsfaktor) = (1 + M)², wobei das M für die Vergrößerung steht. Bei 1-facher Vergrößerung ist es einfach: (1+1)² ergibt einen Verlängerungsfaktor von 4. Die Verschlusszeit muss also um zwei Werte verlängert werden. Zur Beruhigung aller Mathe-Phobiker, zu denen ich mich auch selbst zähle, sei gesagt, dass sich die entsprechend längere Verschlusszeit an der Skala des Belichtungsmessers ablesen lässt. Also alles kein Hexenwerk.

Die ganz aufmerksamen und photographisch erfahrenen Leser werden jetzt nach der optimalen Blende fragen. Da Sie aus den bisherigen Ausführungen scharfsinnig schließen, dass ich im Falle des Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm von einer solchen ausgehe und nur die Verschlusszeit anpasse. In der Tat bringt das Objektiv seine besten Ergebnisse bei Abblendung um eine Stufe auf Blende 5.6. Bei planparalleler Vorlage dürfen Sie die extreme Schärfe, von der Peter Braczko und andere Autoren sprechen, über das gesamte Bildfeld erwarten. Das Objektiv ist dann in jedem Fall reprotauglich. Ob es besser, sprich schärfer als das Micro-Nikkor 2.8/55mm AiS ist, glaube ich persönlich nicht. Ein Spitzenobjektiv für den Nahbereich ist es ganz sicher. In der alten „Berg- und Tal“-Ausführung mit Gummi-Einstellring in Diamantschliff-Optik ist es – zumindest in „Mint-Condition“ - nach meinem Geschmack außerdem schöner als sein modernerer Nachfolger. Das neuere Objektiv ist selbstverständlich universeller und komfortabler einsetzbar. Auch an der Nikon Df ist nur eine Belichtungsmessung bei Arbeitsblende, also mit verdunkeltem Sucherbild möglich, was sicherlich für viele Lichtbildner spaßbremsend wirkt.

Beim stationären Arbeiten – Studio-Photographie – ist Live View eine angenehme und für viele Anwender willkommene Unterstützung beim exakten Fokussieren. Ebenfalls sehr zuverlässig erfolgt das Scharfstellen im Fall der D800 über den optischen Sucher mit Unterstützung der Einstellhilfe. Sofern der Autofokus exakt justiert ist, ist punktgenaues Scharfstellen mit geringem Aufwand und vergleichsweise schnell möglich.


Sollten Sie das Abenteuer wagen und ein altes, optisch gleichwohl sehr gutes Micro-Nikkor-P Auto 3.5/55mm an Ihrer Nikon DSLR verwenden wollen, benötigen Sie also den M2-Ring. Der sollte Sie nicht mehr als circa 40 Euro kosten – immerhin handelt es sich um einen schlichten Metalltubus mit simpler Mechanik zum Abblenden des Objektivs. Oft werden die Objektive aus den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren auch komplett mit dem Zwischenring angeboten – klar, dass Sie dann das Komplettpaket nehmen. Zumal Sie dann in jedem Fall auf den Abbildungsmaßstab 1:1, also die Abbildung in der tatsächlichen Größe des Objekts, kommen. Da macht die Nahphotographie doch erst so richtig Spaß, oder?



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